Wiedergeburt – Episode 3 – Liebe Diana

Liebe Diana,

ich weiß, dass ich mich viel zu selten bei dir melde. Und bitte, keine Vorwürfe mehr weil ich den Job auf der Last Exit angenommen habe. Ich weiß selbst, dass die Arbeit Dreck ist. Heute mehr denn je. Das ist ja der Grund, weshalb ich dir schreibe, ich muss mir den Mist einfach von der Seele tippen.

Du kennst ja meinen Kollegen Hal. Der Typ, gegen den ich im Triad so oft gewonnen habe. Der Mann ist.. ach, lass mich früher beginnen.

Vor ein paar Wochen haben wir die Signale einer Rettungskapsel aufgefangen. Von unserem Kapitän Brennan habe ich dir ja oft genug vorgejammert. Das Arschloch hat die Kapsel bergen lassen, um die Elektronik zu verwerten und um vielleicht ein paar Cubits für einen potentiellen Insassen abgreifen zu können. Ist ok, da habe ich ja auch etwas von. Nur war in der Kapsel kein reicher Schnösel von Caprica sondern ein Kind. Ja, du hast richtig gelesen, ein Kind. Ein kleines Mädchen, vielleicht vier oder fünf Jahre alt. Brennan hat Hal, der war der erste an der Kapsel, befohlen, sie per Luftschleuse zu entsorgen. Weil er sich mit sowas „nicht belasten will“. „Sowas“, als wenn ein Kind ein kaputter Computer wäre. Aber Hal hat sich den Befehlen widersetzt. Ernsthaft, der Typ hatte genug Arsch in der Hose und hat das Mädchen in seinem Quartier untergebracht, seine Rationen mit ihm geteilt und alles getan, damit niemand merkt, dass wir einen blinden Passagier an Bord hatten.

Ja, du hast es dir sicher schon gedacht – Brennan, der kann Verschwörungen riechen. Wir anderen waren größtenteils eingeweiht und haben Hal gedeckt. Klar, Brennan hätte Hal ohne mit der Wimper zu zucken umgelegt wenn er das rausbekommen hätte. Also haben wir zusammengehalten. Alle. Geschlossen. DAS hat vielleicht gut getan! Leon Brennan hatte plötzlich nicht mehr die Macht über uns, wir hatten ein Geheimnis! Verdammt, das war gut. Und das Mädchen ist uns mit der Zeit wie eine gute Kameradin vorgekommen. Für Hal muss sie wie eine Tochter gewesen sein. Wusstest du, dass Hal mal eine Tochter hatte? Sie ist gestorben, er spricht allerdings nie darüber, wie sie gestorben ist. Offenbar war das Mädchen so etwas wie ein Ersatz für ihn. Egal. Wir hatten ein Geheimnis und wir haben uns Brennan widersetzt. Schöne Zeiten waren das.

Naja, bis zu diesem Tag. Der Tag, an dem wir an dieser Raumstation andocken wollten um Vorräte zu kaufen und um den Kram aus den Raumschifffriedhöfen zu verkaufen. Hal war schon Tage vorher total aufgeregt, weil er sich einen Plan gestrickt hatte um das Mädchen auf der Station abzuliefern und so zu retten. Dummerweise muss Brennan das irgendwie mitbekommen haben. Kurz bevor wir gelandet sind ist er laut stampfend zum Quartier von Hal gelaufen. Das hättest du sehen sollen, mit rot leuchtender Ader am Kopf, kurz vor dem Herzinfarkt, so wütend war der. Wir wussten alle, Hal und das Mädchen sind jetzt tot. Dem Brennan, dem entkommt keiner.

Der Rest der Crew beschäftigten sich weiter mit ihrer Arbeit. Aber du kennst mich ja, ich bin Brennan mit einem sicheren Abstand gefolgt und musste mit ansehen was dann geschah.

Und dann reißt Brennan die Tür zu Hals Kajüte auf, fegt Kevin, Hals Mitbewohner, beiseite und greift sich das Mädchen an den Haaren. Ja, das Mädchen saß ganz ungeschützt und offen und mit einer von Hal gebastelten Puppe am Tisch im Quartier und war sehr erstaunt, diesen wütenden Mann zu sehen. Sie hat geschrien und geweint, als er sie an den Haaren packte und aus dem Raum in den Gang zerrte. Himmel habe ich mit dem armen Ding gelitten. Und dann hat Brennan seine Pistole gezogen und ihr genüsslich den Schädel weggepustet. Einfach so. Einem kleinen Mädchen. Ich werde diesen Gesichtsausdruck nie vergessen. NIE. Das arme Mädchen, sie war so erstaunt und so verzweifelt. Und so liebenswert! Als er ihr den Lauf an den Schädel gedrückt hat, da hat sie um ihr Leben gewimmert und nach ihrer Mutter gerufen. Als er den Abzug langsam gedrückt hat, da hat sie Hal angefleht, ihr zu helfen. Verdammt, sie hat ihn „Papa“ genannt! Und Hals verzweifelter Blick, der wusste ganz genau, dass er ihr nicht helfen konnte. Die war wie seine Tochter, die beiden haben wochenlang zusammen gelebt und haben sich richtig angefreundet und sich vertraut. Das Mädchen war verdammt süß. Ich will auch ein Kind, Diana versprich mir, dass wir irgendwann auch ein Kind haben. Und dass wir besser auf das Kind aufpassen!

Aber es ging ja noch weiter. Hal hat mit offenem Mund beobachten müssen wie das Mädchen erschossen wurde. Wie der leblose Körper auf den Gang fiel. Wie Brennan sich das Blut dreckig lachend aus dem Gesicht wischte. Jemanden anbrüllte, er solle den Dreck wegwischen und diese nutzlose Leiche entsorgen. Das war offenbar zu viel für Hal. Du weißt, Hal ist ein verdammt guter Mensch, herzensgut und liebenswert. Aber das war zu viel für ihn. Das hast du in seinem Gesicht gesehen. Also ok, du jetzt nicht persönlich – aber ich, ich war ja dabei. Und plötzlich hatte Hal diesen riesigen Revolver in der Hand, keine Ahnung, wo er den her hatte. Geglänzt hat das Ding und es hatte einen absurd großen Lauf. Und dann ist Hal hinter Brennan her und hat ihn angebrüllt. „Du Mörder! FRAK, du hast ein unschuldiges Mädchen ermordet. Was hat sie dir denn getan? FRAK!“

Brennan hat sich umgedreht. Und du glaubst es nicht, er hat gelacht. Der Tod eines kleinen Mädchens? Was solls, nur Unrat. Ein Crewmitglied, das meutern will? Frak, dann halt noch ein Toter. Fast schon belustigt schaute Brennan Hal an. „O’Connor, du hast den Dreck hier an Bord gelassen und unsere teuren Rationen an das Ding verfüttert. Du hast mich belogen. Du bist ein toter Mann, Hal“ – und dann richtete er seine Pistole auf Hal O’Connor, meinen Freund. Und ich dachte, jetzt ist Hal auch tot, Frak.

Aber Hal war nicht tot. Hal hatte diesen Revolver, obwohl uns Crewleuten Waffen verboten waren. Und Hal hat den Revolver auf Brennans hässliche Fresse gerichtet. Und dann hat Hal gelächelt. Und er hat gesagt „Für Talita. Das war ihr Name. Du Arschloch“. Und dann hat er abgedrückt.

Brennans Pistole, die hatte nur ein leises „Plopp“ von sich gegeben und dann war das arme Mädchen tot. Das war unwirklich, wie ein Traum. Aber Hals Revolver, verdammt, der war laut! Ein ohrenbetäubendes Krachen ging durch das Schiff, das muss man im Maschinenraum noch gehört haben. Und dann ist Brennans Schädel zersplittert. Wirklich, so richtig zersplittert. Eklig sag ich dir. War nicht mehr viel übrig am Ende. Und dann lag da unser kopfloser Kapitän auf dem Gang. Ein Kapitän darf ja viel sein. Aber niemals kopflos, das ist nicht gut.

Naja, was soll ich sagen. Wir haben dann an der Raumstation angedockt und Hal hat die ganze Crew zusammengerufen und wir haben zusammen besprochen was wir als nächstes tun werden. Viele von uns wussten nicht mal wie es sich anfühlt überhaupt bei sowas gefragt zu werden und alle hatten ab diesem Tag einen gehörigen Respekt vor Hal bekommen. Vor seinem Charakter und vor seinem antiken Revolver.

Jedenfalls haben wir gemeinsam entschieden an der Raumstation zu docken und die Last Exit zu verkaufen. Das Geld haben wir dann zu gleichen Teilen unter uns aufgeteilt. Wobei das stimmt nicht ganz. Jeder hat freiwillig einen Teil seines Geldes gegeben um Talita ein würdiges Begräbnis auf Virgon zu bezahlen. Dort kam die Kleine nämlich her. Ihre Eltern starben bei dem technischen Defekt der ihr Raumschiff implodieren ließ nachdem sie ihre Tochter in die einzige Rettungskapsel steckten.

Und Brennan? Den haben wir aus der Schleuse geworfen, den Scheißkerl. Die Behörden schien es auch nicht zu kümmern. Arbeitsunfälle passieren und alte Triebwerke in die man unvorsichtig seine Körperteile steckt können gefährlich sein. Aber das wissen wir ja seit Petersen auf der Uni oder?

Jedenfalls gingen nach der Beerdigung alle mit ihrem Anteil am Verkauf der Last Exit und der Schrottladung ihre eigenen Wege. Viele wollten auf keinen Fall weiter im All rumfliegen. Die meisten wollten mit dem Geld ein kleines Häuschen kaufen und den Rest ihres Lebens in Frieden und Ruhe auf einer der Kolonien verbringen.

Aber du kennst ja mich. Hal, Artemis, Assis und ich blieben noch lange an diesem Abend in der Kneipe um auf Talita zu trinken. (Nur ein wenig. Ich weiß doch das ich mich beherrschen soll.)

Jedenfalls fassten wir vier gemeinsam den Entschluss weiter Fliegen zu wollen. Unser gemeinsames Geld reichte vielleicht nicht um ein eigenes Raumschiff zu kaufen, aber Hal hatte einen Plan! Wir sind zu dem Raumschifffriedhof von neulich. Da haben wir dann in einer wirklich waghalsigen Aktion ein ehemaliges Militärversorgungsschiff der M-Serie geborgen. Und jetzt machen wir die alte Lady wieder flott. Das ist dann unser Schiff! Hal ist natürlich der neue Kapitän. Wem sonst sollten wir folgen? Wir haben sogar einen Namen für das Schiff. Hesperios soll es heißen. Ein schöner Name, finde ich. Und ich, ich freue mich so auf meine Arbeit auf der Hesperios. Als Koch und irgendwie auch als Techniker, wie vorher auf der Last Exit. Nur ohne Brennan. Es kann also nur besser werden, oder?

In Liebe,

dein Matthew

PS: Denk an die Sache mit dem Kind! Wenn ich das nächste mal auf Geminon bin üben wir schon mal, ja?

von Dennis Ziesecke