Wiedergeburt – Episode 2 – Talita

Es war die Sache mit dem Mädchen aus der Rettungskapsel, die Hal einen Entschluss fassen ließ. Den Entschluss, seinen ersten Mord zu begehen. Als Mitglied einer zwielichtigen Raumschiffcrew war Hal zwar oft an illegalen Deals beteiligt, umbringen musste er aber bis zu diesem Tage niemanden.

Es war ein trostloser Tag auf einem trostlosen Raumschiff, mit einer Crew die größtenteils auch nicht so recht bei Trost war. Und mit einem Kapitän, der schon seit Jahren jenseits aller normalen Geisteszustände zwischen Paranoia, Gier und Aggression pendelte. Wer auf der Last Exit diente, der hatte kaum etwas zu verlieren – die Bezahlung war unregelmäßig, das Essen mies und Freundschaften waren ein gefährliches Gut. Aufträge hatte Brennan schon länger nicht mehr auftun können und die Wachen vor den Raumschifffriedhöfen verhinderten schon seit Wochen weitere Plünderaktionen an zerstörten Militärschiffen.

Doch dann entwickelte sich hektische Betriebsamkeit auf der Brücke, als das Dradis einen unbekannten Gegenstand ortete. Brennan ließ ihn an Bord holen, wohl in der Hoffnung, dort etwas verwertbares zu finden. Hal war der erste Mann an der Luftschleuse und zerrte den Gegenstand an Bord. Es handelte sich um eine Rettungskapsel älterer Bauart. Alt aber gut ausgestattet, mit einer Stasekammer, falls die Rettung nicht so schnell gelingen sollte wie geplant. „Komakammer“ nannte die Crew diese merkwürdigen Geräte, die den Sauerstoffverbrauch und Stoffwechsel künstlich reduzierten. Die Instrumente funktionierten noch, Energie war vorhanden und es wurde ein Lebenszeichen im Inneren angezeigt. Schnell drängte sich ein großer Teil der Crew um Hal und die Kapsel.

Bis Leon Brennan mit wuchtigen Schritten den Laderaum betrat, in den sie die Kapsel verfrachtet hatten. Ungeduldig riss er alles beiseite, was ihm im Weg stand. Die Crew kannte Brennans unbeherrschte Art und regte sich nicht.

Als sich Brennan direkt vor Hal aufbaute und mit hochrotem Gesicht auf die Rettungskapsel starrte, krampfte sich Hals Magen kurz zusammen. Hatte er etwas falsch gemacht? „Was soll der Schrott hier? Was, wenn da ein Peilsender drin ist? Lasst den Scheiß in der Schleuse, dann sind wir den Mist schnell wieder los. Aber nein, auf mich hört hier ja keiner, Scheissverein!“

Mit einem kräftigen Schlag stieß Brennan Hal von der Kapsel weg und begann sich an der Schalttafel zu schaffen zu machen. Hal rieb sich den schmerzenden Kiefer und bezog Position hinter seinem Kapitän, um zu beobachten, was sich wohl in der Kapsel befinden mag. Nach wenigen Minuten war das künstliche Koma beendet, der oder die Gerettete dürfte also gleich das Bewusstsein zurück erlangen. Die Tür der Kapsel öffnete sich zischend und ein wenig Dampf entwich.

Und dann fiel ein kleines Mädchen aus der Kapsel in den Frachtraum. Ein Mädchen von vielleicht vier oder fünf Jahren, mit strubbeligen braunen Haaren und verschlafen aussehenden blauen Augen. Der Kleidung nach zu urteilen von Caprica. Nicht sonderlich wohlhabend offenbar. Das Mädchen schien verängstigt und klammerte sich an einen Stoffhund. „Wo sind Mama und Papa? Was ist passiert? Ich will nach Hause!“

Für einen kurzen Moment dachte Hal, so etwas wie eine positive Gefühlsregung in Brennans Gesicht gesehen zu haben. Doch er muss sich geirrt haben, denn wenige Sekunden später brüllt der Kapitän mit rotem Kopf und pulsierender Ader auf dem Hals wütende Kommandos durch den Raum. „Weg mit dem Blag, aus der Schleuse aber sofort. Die Notfallkapsel wird demontiert und in den Frachtraum geschafft. Was glotzt ihr Arschlöcher so? AN DIE ARBEIT!“

Brennan stürmte aus dem Raum und ließ eine verwirrte Crew zurück. Kopfschüttelnd verzogen sie sich zurück an ihre Arbeit und überließen Hal die undankbare Aufgabe, sich um Kind und Kapsel zu kümmern.

Kurz darauf erschien auf den Anzeigen für einen sehr kurzen Moment ein Lebenszeichen in der Nähe der Luftschleuse, das sich aber schnell in Weltraummüll verwandelte. Brennan nickte zufrieden, als er sah, dass Hal seinen Befehl offenbar ohne zu Murren ausgeführt hatte.

In den kommenden Wochen verwandelte sich Hals Leben an Bord dennoch in einen Spießrutenlauf. Obwohl seine Kollegen ihn deckten war es sehr schwer, an Bord eines kleinen Schiffes wie der Last Exit ein Kind zu verstecken und durchzufüttern ohne dass der paranoide Kapitän etwas davon mitbekam. Tatsächlich hatte Hal das Mädchen, dass sich ihm als Talita vorstellte, nicht aus der Luftschleuse geworfen. Stattdessen opferte er einen Kessel Chili aus der Kombüse und ein Huhn aus dem Frachtraum – die Crew verzichtete sogar freiwillig auf ihr Abendessen und für Brennan ließen sie eine Portion Chili übrig.

Es war ein erlösender Moment für Hal, als Brennan eines Tages einen Tankstopp auf einer Raumstation ankündigte. Eine Chance, Talita von der Last Exit runter und in Sicherheit zu bringen. Und beinahe wäre der Plan sogar geglückt.

von Dennis Ziesecke