Wiedergeburt – Episode 1 – In Richtung Abendstern

Jetzt nicht aufgeben, nur noch ein paar Minuten durchhalten. Gibt sowieso kein Zurück mehr, abbrechen würde der Kapitän nicht erlauben. Ach was, ausflippen würde er, wieder mit der Luftschleuse drohen oder Nachts dieses seltsame Gas in die Crewquartiere leiten. Beim letzten mal konnte die halbe Besatzung anschließend für Wochen ihr Essen nur noch als Brei zu sich nehmen.

Ein umgänglicher Charakter war Kapitän Leon Brennan nicht. Aber dafür war er zielstrebig, eine Eigenschaft, die vielen aus seiner Crew abging. Nun, für diese Art von Arbeit gab es nicht viele Bewerber, da musste man nehmen, was man bekam. Da musste ein Anführer schon einmal zu etwas rabiateren Methoden greifen.

Erstaunlich, wie viele Gedanken so durch den Kopf schwirren, in so kurzer Zeit und in so absurden Situationen. Abbrechen war keine Option. Durchhalten Hal, durchhalten. Lieber hier krepieren, als vom alten Brennan durch die Mangel genommen werden. Dort in Richtung des aus dieser Perspektive gut sichtbaren Abendsterns war das Ziel, nicht mehr weit entfernt.

Wie kommt es eigentlich schon wieder so weit kommen? Ihnen fehlte Geld, spätestens seit der letzten Begegnung mit dieser Militär-Viper war eine Reparatur der „Last Exit“ nicht mehr zu leugnen. Legale Arbeit, daran war nicht zu denken. Keiner auf der Last Exit hatte eine Vita, die bei einem herkömmlichen Arbeitgeber auf Verständnis gestoßen wäre. Auch Hal nicht.

Während er in einem Raumanzug mit viel zu wenig Sauerstoff inmitten eines Raumschiff-Friedhofes schwebte, begann er seinen Eltern Vorwürfe deswegen zu machen. Verdammt, die waren schuld, dass er hier zwischen skelettierten Raumschiffen krepierte. Ein paar Schläge mit dem Gürtel seines Vaters weniger und aus Hal wäre ein toller Typ geworden, ein Viper-Pilot auf einem Kampfstern vielleicht. Oder wenigstens einer von den Raptor-Piloten der kolonialen Flotte.

Egal. Alles egal. Er musste seine Mission beenden. Gewinnbringendes aus den Raumschiffen „ernten“, wie Brennan es nannte. Computerterminals, die hier oft frei im All herumschweben. Wenn da noch Militärinformationen drauf gespeichert sind, lassen die sich für gutes Geld verkaufen – den Göttern sei Dank, dass die Speichersysteme so verdammt robust sind. Der Krieg war lange vorbei, dennoch gab es immer Abnehmer für so etwas. Keine Zylonen selbstverständlich, dafür aber hart arbeitende IT-Spezialisten und Kriegshistoriker und obskure Sammler. Bislang allerdings war Hal erfolglos bei seinem heutigen Ausflug. Frak, hätte er nur nicht beim Auslosen verloren, Tika wäre dran gewesen heute.

Hal schwebte langsam auf das Wrack eines stark zerstörten Versorgungsschiffes zu, hatte sich vom Licht des Abendsterns leiten lassen. In diesen Wracks findet sich immer etwas spannendes, abgeschossene Versorgungsschiffe wurden damals oft einfach hinterlassen und nur die intakten Container von der Außenhülle geborgen. Mit Glück wurden vorher noch die armen Schweine von der ehemaligen Besatzung in Särge verfrachtet. Mit dem „Blake-Plan“ dann wurde der ganze Schrott zusammengepfercht um keine Unfälle auf Handelsrouten oder in der Nähe von Planeten zu provozieren. So entstanden die Weltraumfriedhöfe, die eigentlich absolute Flug-Verbotszonen sind, überwacht von übereifrigen Militärs. Brennan und seine Last Exit lauerten daher in respektvollem Abstand während ein Idiot aus der Crew sich im Raumanzug mit Schubdüsen vorwagte um die Wracks zu plündern. Ein Schleppnetz mit brauchbarer Ware hinter sich herziehend musste der arme Teufel auf dem Rückweg nur dem Militär aus dem Weg gehen und wieder in der Last Exit verschwinden. Doch die Tiefe des Alls ist nicht für jedermann geeignet. Hal hatte schon lange entschlossen: Für ihn war das nackte All nichts. Raumschiffe, in Ordnung. Aber Raumanzüge – keine Chance.

Brennan. Immer wieder Brennan vor seinem geistigen Auge. Brennan erinnerte Hal an seinen Vater. An den Tag, als er von seinem Vater beinahe zu Tode geprügelt wurde. An den Tag, an dem er aus dem Elternhaus geflohen ist und Glück hatte, dass der besoffene Alte nicht mehr gut zielen konnte. Die Angst trieb ihn voran, auf das verheißungsvolle Wrack inmitten des Raumschiff-Friedhofes mit der sterilen Bezeichnung A-32 zu.

CF-23 stand dort an der aufgerissenen Seitenwand. Proinos hat das Ding geheißen bevor es vernichtet wurde. Das muss ein böser Kampf gewesen sein, mindestens eine Rakete der Zylonen hatte die Brücke der Proinos komplett verwüstet. Was sich an Bord für Szenen abgespielt haben müssen?

Nicht drüber nachdenken. Dort wo die Rakete die Brücke in eine Wüste aus scharfkantigem Metall verwandelt hat, musste er sich auf die unteren Decks durchquetschen. Nein, das war keine Rakete, das war mindestens ein Torpedo gewesen. Wow, die Jungs haben sich echt Feinde gemacht bei ihrem Kampf. Torpedos für ein harmloses Versorgungsschiff? Diese Toaster haben immer übertrieben, frak.

Hal hatte es geschafft sich durch das Loch zu schlängeln ohne den Raumanzug aufzureißen. Das Schlimmste lag hinter ihm. In den an die Brücke anschließenden Räumen gab es allerdings keine verwertbaren Rohstoffe für sein Schleppnetz. Hier kann niemand überlebt haben, das muss ein Inferno gewesen sein. Dieses Raumschiff hat den Friedhof verdient wie kaum ein anderes, dachte er. Doch Brennan würde verdammt wütend werden, wenn er ohne Beute zurückkehrte.

Auf dem Weg durch verlassene und verwüstete Gänge durchstreifte Hal das Wrack der Proinos in ganzer Länge. Je weiter er sich von der Brücke entfernte, desto besser waren die Räume erhalten. In der Schiffsmesse wurde er schließlich fündig: Ein Computerterminal, offenbar sogar noch funktionsfähig. Eifrig montierte er Platinen ab und verstaute Hardware in seinem Netz. Kurz zögerte er, ob er einen tiefgefrorenen Apfel aus der Kombüse als Trophäe mitnehmen sollte, widerstand dem Gedanken aber. Die Frachträume indes waren leider leer, hier schien sich das Militär bereits bedient zu haben. Schade. Dafür fand sich in den Quartieren ein nettes kleines Fundstück, einen großkalibrigen silbernen Revolver. Hal steckte ihn verstohlen in eine der Taschen des Raumanzuges, Brennan musste ja nicht alles wissen.

Mit sichtlich besserer Laune kehrte Hal zur Brücke der Proinos zurück und schloss kurz die Augen um den unbekannten Soldaten zu gedenken, die hier an Bord gestorben sein müssen. Ein wenig fürchtete er sich vor dem Rückweg durch die scharfkantige Außenhülle des Schiffes. Vor seinem geistigen Auge sah er sich als Skelett in einem aufgerissenen Raumanzug für alle Ewigkeit um diese Raumschiffleiche schweben.

Doch der Rückweg verlief wider Erwarten problemlos. Sogar die endlos scheinende Strecke zurück zur Last Exit verwandelte ihn nicht in ein Stück lebloser Menschenmasse. Mit den letzten Sauerstoffreserven gelangte Hal in die Luftschleuse der Last Exit. Und kassierte einige kräftige Ohrfeigen von Brennan angesichts der mageren Beute. Doch das störte ihn heute nicht. Hal hatte einen Plan gefasst. An Bord des toten Raumschiffes wuchs in ihm die Idee, dieses Schiff wieder flott zu machen. Sein eigenes Schiff. Seine eigene Geschichte.

von Dennis Ziesecke