Tod – Episode 4 – Dienstende

//Aufzeichnung: Beginn.

//◻◻◻◻◻◻◻◻◻◻◻◻◻◻◻◻◻◻◻◻◻. Zeitzeugen-Interview #◻◻. Interviewer: Cecile Miller.

//Admiral ◻◻◻◻◻◻  ◻◻◻◻◻◻◻◻◻◻.  Alter ◻◻.  ◻◻◻◻◻◻◻◻◻◻◻ während der ◻◻◻◻◻◻◻◻◻◻◻◻◻◻ von ◻◻◻◻◻◻◻◻◻◻◻◻◻◻◻◻◻◻◻◻◻◻◻◻◻◻◻◻.

//Hinterlegt als Verschlusssache bei Walthers & Floyd Caprica-City, Bezirk 4.

Cecile Miller: “Für den Fall, dass mir etwas zustößt hinterlasse ich diese Aufzeichnung verschlüsselt bei meinen Anwälten.”

//Pause

Cecile Miller: “Meine Güte. Ich klinge schon wie eine Figur in einem MacLane-Buch. Cecile Miller, Privatdetektivin der Herzen.”

//Räuspern

Cecile Miller: “Heute betrete ich das Büro von Admiral ◻◻◻◻◻◻◻◻◻◻ um ihn mit meinen Beweisen zu konfrontieren. Die Recherche über die Proinos hat mich zu der Geschichte um die Schlacht der zweiten Dämmerung geführt. Und diese Geschichte führte mich zu einem der größten Skandale des Zylonenkrieges und der Nachkriegszeit. Eine Geschichte die den Glauben und das Vertrauen in unseren Militärapparat nachhaltig ändern könnte. Ich trage ein verdecktes, unaufspürbares Mikrofonset. Dennoch weiß ich nicht ob das Büro des Admirals über Abschirmungsmaßnahmen verfügt oder mir schlimmeres drohen könnte. Daher liegen die Beweise sicher und würden bei meinem Verschwinden veröffentlicht werden. Sollte dieses Band noch existieren, so tue ich dies hoffentlich auch noch“.

//Rascheln

Cecile Miller: “Hallo. Ich bin Cecile Miller. Ich habe einen Termin bei Admiral ◻◻◻◻◻◻◻◻◻◻ “.

//Unverständliche Stimme

Cecile Miller: “Ja. Ich danke ihnen”.

//Schritte gefolgt von einer Tür die geöffnet wird.

Admiral ◻◻◻◻◻◻◻◻◻◻ : “Ah. Mrs Miller. Es freut mich sie zu…”

//Elektronische Störsignale

//Aufzeichung: Ende.

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“Ah. Mrs Miller. Es freut mich sie zu sehen. Nehmen sie Platz!”, der Admiral deutete auf den einladenden Stuhl vor seinem massiven Schreibtisch. “Danke sehr. Es freut mich das sie Zeit für mich finden konnten” heuchelte Cecile mit einem geübten Lächeln auf dem Gesicht.

Während sich Cecile auf setzte schielte sie auf die winzige Kontrollleuchte an einem ihrer Ringe. Rot. Die Störsender des Büros hatten ihre Aufzeichnungsgeräte also schon deaktiviert. Dann musste es halt auch irgendwie ohne weitergehen.

“Warum wollten sie mich den so dringend sprechen?” der Admiral hatte ebenfalls Platz genommen und lächelte sie ebenso gespielt freundlich an.

“Die Schlacht der zweiten Dämmerung”, Cecile ließ ihre freundliche-Journalistin-auf-Plauderbesuch-Maske ebenso schnell fallen wie der Admiral als er ihre Worte hörte. “Ich habe für ein Buch über die Geschichte der Proinos recherchiert. Ich wollte ein Buch schreiben. Ein Zeitdokument über eine typische Geschichte des Zylonenkrieges die in einem heroischen Opfer endete”.

“Was das Opfer der Proinos ohne Zweifel war, Mrs. Miller” der Admiral kniff die Augen zusammen und runzelte die Stirn. Cecile spürte wie die militärischen geschärften Zahnräder hinter seiner Stirn ratterten.

“Ja. Das Opfer der Proinos ist eine Heldengeschichte. Aber die lange Kette die dorthin führte. Die Fehler, die Befehlshaber machten. Fehler aus rassistischen Ressentiments und Vorurteilen. Unterdrückung und Machtspiele in den eigenen Reihen. Die Lügen die anschließend darüber verbreitet wurden. Wie viele Politiker und Offiziere an dieser Geschichte mitgewirkt haben. Die Lügengebilde aus denen Karrieren in der Flotte und der Politik wurden. Lügen die uns rückwirkend beruhigen sollten um den Krieg als gewonnen zu sehen. Als hätten wir es geschafft diese Maschinen zum Rückzug zu bewegen. Das es nicht sie waren die den Spaß am Morden verloren, während wir dabei waren diesen Krieg zu verlieren…”

“Mrs. Miller!” die alte runzelige Faust des Admiral erzeugte noch immer einen gehörigen Krach als sie auf seinen Schreibtisch knallte. “Mäßigen sie sich. Der Krieg hat mich viel gekostet. Er hat allen die damals gelebt und gekämpft haben viel gekostet. Daher wählen sie ihre Worte bitte mit bedacht und achten sie darauf welche Anschuldigungen sie hier aussprechen”.

Cecile atmete tief durch, denn sie wusste das sie mit dem Feuer und mehreren wichtigen Leben und Karrieren spielte. Ihre eigene eingeschlossen.

“Ich weiß von Christie. Ich weiß, dass an diesem Tag unzählige Soldaten den Tod fanden. Nicht wegen der Toaster. Nicht wegen der ehrenvollen Opfer die ein Krieg für die Freiheit der Kolonien fordert. Wegen sehr sehr menschlicher Bedürfnissen und Fehlern.” Cecile beobachtete wie der Zorn im Gesicht des Admirals einem sehr gut überspielten Entsetzen wich.

“Und ich weiß von dem großen Lügennetz das im Anschluss gesponnen wurde um aus diesem Skandal eine heroische Geschichte zu machen. Und das die Fäden dieses Netzes sehr viele mächtige Ankerpunkte haben”.

Der Admiral war seit dem Ende des Krieges nicht mehr so blass und müde gewesen. Cecile dachte an die vielen Jahre die dieser Mann nicht nur mit den Lügen, sondern auch mit der Schuld leben musste, die auf seinem Gewissen lag. Wenn sie die vielen Toten und die Hinterbliebenen, die sie in den letzten Jahren gesprochen hatte, vergessen könnte, hätte sie fast so etwas wie Mitleid für den Mann entwickeln können. So allerdings blieb neben Verachtung nur etwas Angst, wie sein Vorgehen nach dem ersten Schritt aussehen könnte.

“Mrs. Miller. An diesem Tag starben insgesamt etwas über 300 Menschen…” “345, Sir” Cecile wollte die Oberhand über dieses Gespräch auf keinen Fall verlieren.

“345 tapfere und mutige Seelen starben an diesem Tag wegen eines Fehler den ich begangen hatte. Denken sie nicht ich wäre der erste Mensch gewesen der lieber dort draußen gestorben wäre? Denken sie, ich habe mir ausgemalt aus meiner größten Schande eine Legende zu machen?”

“Wer hat es sich ausgedacht?” Cecile lehnte sich vor. Jetzt würde es spannend werden. Wenn die Gerüchte die sie gesammelt hatten stimmten, war der Plan von einigen sehr angesehenen Militärs und Politikern gekommen.

“Zwei Tage nach der Schlacht habe ich versucht mich in meiner Kabine zu erhängen”. Dieser Teil der Geschichte war in der Tat nie aufgekommen und traf Cecile mehr als sie sich eingestehen wollte. Der Admiral erzählte ihr eine Geschichte, die in den letzten Jahrzehnten wohl kaum jemand zu hören bekommen hatte.

“Man konnte mich retten und brachte mich in eine geschlossene Station, wo ich unter Beobachtung blieb. Dort kontaktierte mich ein Mitglied des kolonialen Geheimdienstes. Als ich noch mit Medikamenten vollgepumpt war erzählte er mir, dass von ganz weit Oben beschlossen wurde, den Kolonien eine heroische Geschichte zu erzählen. Eine Heldengeschichte, die sie eher brauchten als einen Skandal der noch weiter für Skrupel und Zweifel gegen die eigenen Verteidigungskräfte und die eigene Spezies führte”.

“Ich wollte mich nicht darauf einlassen. Ich drohte in den kommenden Monaten mehrfach damit an die Öffentlichkeit zu gehen. Aber je mehr ich mich wehrte, desto mehr zeigten sie mir. Wie es um den Krieg wirklich stand. Wie die Bevölkerung den Krieg wahrnahm. Und sie erzählten mir, wie viel schlimmer es alles machen würde, wenn ein Skandal das Fass zum überlaufen bringen würde. Und wem würde es nützen?” Cecile wunderte sich selbst über die Unsicherheit in ihrer Stimme als sie “Der Wahrheit” sagte.

“Die Wahrheit rettet uns nicht vor dem Tod. Sie hilft uns auch nicht mehr beim Einschlafen als eine gute schöne Lüge. Die Wahrheit ist ein fragiles Konstrukt für das die Realität nicht der richtige Ort ist”. Der Admiral stand langsam auf und ging zu seinem gläsernen Schrank hinüber. Mehrere Modelle von Kampfsternen und Raumstationen standen sauber aufgereiht in ihren Ständern.

“Sie gewinnt keine Kriege und bewahrt keinen Frieden”.

Der Admiral drehte sich zu der Vitrine und Cecile unterbrach das anstrengende Schweigen nach einigen qualvollen Minuten.

“Und was tun sie nun?”, die Worte fühlten sich in ihrem Mund fahl und falsch an.

“Was tun sie, Mrs. Miller? Sie können mich, mehrere Mitglieder des Zwölferrates, Regierungsvertreter und Militärbefehlshaber bloßstellen. Sie können die Geschichte umschreiben. Aus Helden Opfer und aus pflichtbewussten Anführern zweifelhafte schwache Menschen”. Der Admiral sprach weiter zu seinen Raumschiffmodellen und sah sie nicht an.

“Oder sie lassen mich verschwinden? Ich habe sämtliche Beweise bei meinen Anwälten hinterlegt. Sollte mir oder jemanden aus..” Der Admiral brauchte sie nicht ansehen um sie mit seiner brummigen Stimme mitten im Satz zu unterbrechen.

“Mrs. Miller. Wir sind hier nicht in einem billigen Schundheftchen oder Agententhriller.”. Der Admiral ging langsam zurück zu seinem Schreibtisch und setzte sich wieder.

“Die Geschichte, Mrs. Miller. Wir verlieren uns gerne in der guten alten Zeit. Meist war die alte Zeit aber nicht gut. Aber sie ist vorbei. Wir wissen, dass die schlimmsten Geschichten der Vergangenheit zu Ende gehen. Entweder weil sie ein glückliches Ende nehmen; oder weil ihre schlimmen Phasen überstanden sind. Die Geschichte ist vorbei. Daraus ziehen wir meist den größten Trost. Ein Krieg ist vorbei und wir leben noch. Unsere Kinder. Unsere Familien. Unsere Gesellschaft. Egal aus welchen Kriegen, düsteren Dramen und Lügen sie entstanden sind. Wir sind hier. Wir haben diese Zeiten überstanden. Mrs. Miller. Wir können die Zukunft zu einem bessern Ort machen. Die Vergangenheit ruhen zu lassen hilft uns die positiven Aspekte der Vergangenheit im Blick zu halten.”

“Ich werde ihnen keine Vorschriften machen oder sie bedrohen. Es gibt weitaus schlimmere Menschen da draußen, die auf ihre Geschichte nicht so gelassen reagieren werden. Aber ich habe mit der Geschichte und mit meinen Sünden Frieden gefunden. Genau wie die Kolonien untereinander und wie wir mit den Zylonen. Ich an ihrer Stelle würde diesen Zustand bewahren wollen. Und mein Leben nicht für solch eine Sache in Gefahr bringen. Nutzen sie die guten Seiten der Geschichte um Menschen zu inspirieren. Und hoffen sie, dass die Zeiten uns irgendwann den Luxus gestatten die Wahrheit zum Teil der Realität zu machen”.

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Auszug aus: “Die Geschichte der zweiten Dämmerung” von Cecile Miller. Zweifache Gewinnerin des Caprica-Book-Award®.

“Trotz all des Grauens zeigen uns Geschichten wie diese doch, dass das Vertrauen in die Ordnung und der Schutz unserer Kolonien den tapferen Männern und Frauen der Flotte zu verdanken ist. Diese großen und tapferen Personen sind das was zwischen unserem friedlichem glücklichem Leben und den Grausamkeiten des Krieges stehen.

Die einfachen Männer und Frauen in den Uniformen, die ihre Leben riskieren und ihre Offiziere und Vorgesetzten, die diesen Dienst zu schätzen wissen und mit bestem Gewissen erfüllen genießen zu Recht unser vollstes Vertrauen. Ihre Heldentaten, die uns vor der Auslöschung durch die Zylonen bewahrten und eine neue Ära des Friedens einleiteten werden nie vergessen werden.“

von Marcel Schmittchen