Tod – Episode 3 – Donnerstag

++Donnerstag
+++Tag 3.080 des Zylonenkrieges
++++Brücke des kolonialen Frachters Proinos
+++++Rückflug zum Kampfverband der Galactica mit Munition und Lebensmittelvorräten
++++++Zeit bis zum finalen FTL-Sprung: 10 Minuten

Tradition. Tradition ist ein komisches Konzept. Manchmal nicht zu unterscheiden von Langeweile und Routine. Manchmal so wichtig und wertvoll wie die strahlenden Gesichter der Kinder am Tag der Kolonien. Die angespannten Minuten vor einem FTL-Sprung sind für Captain Brandon Frask eine Mischung aus beidem.

Routine, weil es der vierte Sprung dieser Art ist seit sie das Versorgungsdepot vor 12 Stunden verlassen haben. Vorfreude, weil sie bald wieder daheim im Flottenverband sein werden. Seite an Seite mit den großen und beeindruckenden Schiffen der kolonialen Flotte. Umringt von den technischen Meisterleistungen die ein so lang andauernder Krieg um das Überleben so hervorbringt. In der Mitte von allen Schiffen: Die Galactica. Mit ihren gigantischen Triebwerken und beindruckenden Geschützbatterien die jeden anrückenden Gegner oder Marschflugkörper mit gezieltem Sperrfeuer ausschalten können. Ihrem riesigen Kontingent an Viper-Kampfjägern und ihrer geriffelten makellosen Panzerung. Eine perfekte Kampfmaschine. Ein Kampfstern.

Aber eine Kampfmaschine die ohne Munition für die Geschütze und Füllung für die Mäuler der hungrigen Besatzung auch nicht mehr ist, als eine sehr teure Zielübung für die Basissterne der Zylonen.

Und da kommt die Proinos ins Spiel. Sie kann den gütigen netten Onkel spielen, der mit einem Beutel voller Geschenke ankommt und für die nächsten Wochen einen reibungslosen Ablauf sicherstellt. Im Gegenzug muss man sich für ein paar Wochen nicht mit mürrischen Viperpiloten an der Außenhülle und der Gefahr von Überraschungsangriffen herumplagen. Man schippert gemütlich im Flottenverband und zieht sich bei Gefahr schnell und zügig aus den Kampfhandlungen raus und lässt die Großen spielen. Spiele mit viel Tot und Geschrei.

“Weniger Negativität. Mehr Lächeln” tönt es von dem hinteren Teil der Brücke. Eriksson, der erste Offizier, kritisiert Frasks grimmige Mine nicht zum ersten mal seit er das Kommando vor einem Jahr übernommen hat. Aber einige Leute schauen grimmig, egal ob sie gerade über den Tod oder über die Geburt ihrer Tochter nachdenken. Anderen Leuten ist der Unterschied nach so vielen Jahren Krieg nicht mehr bekannt.

Die Tradition für Brandon Frask war es, vor jedem FTL-Sprung die Augen zu schließen. Die Augen zu schließen und sich auf das Gefühl in der Magengegend zu konzentrieren, wenn der FTL-Antrieb sein Wunder vollbringt und einen Haufen Metall mit Drähten und Elektronik in einem Augenblick hunderte Lichtjahre durchs kalte All schleudert. Brandon Frask schließt die Augen. Er spürt, noch bevor es wirklich losgeht, wie sich sein Magen zusammenzieht; wie eine kleine Faust. “Sprung-Koordinaten eingegeben und FTL-Antrieb bereit” ruft Conrad James, der Navigator, von schräg links vorne.

“Dann los” murmelt Frask mehr zu sich selbst als zu James. Nun zieht sich der Magen weiter zusammen. Es klingelt in den Ohren. Mit einem Knall springt das Schiff.
Ein zweiter Knall. Ein dritter und ein vierter Knall ertönen noch bevor Frask die Augen öffnen kann. Vor ihm: Ein Mahlstrom der Zerstörung.

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//Aufzeichnung: Beginn.
//Schlacht der zweiten Dämmerung. Zeitzeugen-Interview #12. Interviewer: Cecile Miller.
//Commander Charles Monk. Alter 65. Träger des “Stern von Kobol” und zwei Verdienstorden in Silber.
//Zum Zeitpunkt der Schlacht: Ensign an Bord der Proinos. Alter 23.

Cmdr. Monk: “Vierzehn. Vierzehn Sekunden steckte die Proinos erst in dem was in den Geschichtsbüchern jetzt als „Schlacht der zweiten Dämmerung“ bezeichnet wird, als der erste Jäger der Zylonen mit einer Rakete einen der beiden Begleitjäger am Rumpf der Proinos mitsamt seines Piloten zerstörte. Der zweite Jäger, “Ice” oder “Icedrop” oder so ähnlich war sein Rufzeichen, konnte sich noch abkoppeln und zog gerade an den Sichtfenstern der Brücke vorbei als er getroffen wurde und brennend in die Ferne trudelte.”

Cecile Miller: “Was tat Captain Frask in dem Moment?”

Cmdr. Monk: “Nichts… Niemand von uns tat irgendwas. Wir konnten unseren Augen nicht trauen. Statt in der Nähe eines Flottenverbandes landeten wir in einem Kampfgetümmel. Ein Kampfgetümmel in einem Ausmaß, dass kaum jemand von uns bisher mit eigenen Augen gesehen hatte. Wissen sie.. Es braucht ein paar Sekunden bis man etwas realisiert. Es braucht einige tödliche Sekunden länger wenn das was man realisieren muss, ein Kampfstern ist, der von zwei Basissternen der Zylonen eingekreist wurde. Umringt von hunderten kleiner Kampfjäger und Trümmern von Versorgungs- und Begleitschiffen, mit deren Besatzungen man noch vor einer Woche gemeinsam geredet und gelacht hat.”

//Pause in der Aufnahme.

Cecile Miller: “Einige Experten sagen, der Geheimdienst der Kolonien hätte den Standort der Flotte absichtlich den Zylonen zugespielt. Um sie in eine Falle zu locken. Der einzige Fehler war, dass die Befehle an die zweite Flotte für den Hinterhalt nicht rechtzeitig übertragen wurden. Was sagen sie dazu?”

Cmdr. Monk: “Nach so vielen Jahren beim Militär lernt man solche Dinge nicht zu lange zu hinterfragen. Letztendlich spielt wenig davon eine Rolle, wenn hunderte dieser ver[piep] Toaster auf dich schießen. Jede Kommandostruktur und jede Befehlskette und auch jedes Manöver hat seine Fehler, genau wie sie ihren Sinn oder ihre Ordnung haben. Wir haben nur das getan was jeder tun muss. Mit den Karten spielen die einem zugeteilt wurden.”

Cecile Miller: “Wo genau befand sich die Proinos nach ihrem Sprung in die Schlacht?”

Cmdr. Monk: “So nah am Bauch der Galactica das wir sie hätten berühren können wenn wir auf die Brückenaufbauten geklettert wären… Normalerweise springt man an die äußeren Patroullienrouten des Kampfverbandes und legt den Rest des Weges per Unterlichtantrieb zurück. Aber die Schlacht hat die Position des Kampfverbandes verschoben. Es war schon ein Wunder, dass wir nicht mitten in ein Wrack oder den Rumpf der Galactica gesprungen sind.”

Cecile Miller: “Wann merkte die Crew, dass die Galactica kritisch beschädigt war?”

Cmdr Monk: “Nachdem wir realisierten was los war, ging das Chaos und das Geschrei los. Ich stand recht nah an den vorderen Sichtfenstern und mir fiel sofort auf, dass die unteren Geschütze nicht feuerten. Die Mehrheit hörte es einige Sekunden später bestätigt, als der Bordfunk aus dem Chaos der Schlacht die Befehle und Durchsagen der Galactica gefiltert bekam. Ein Glückstreffer der Toaster hatte die Steuersysteme der Geschütze an der Unterseite lahmgelegt. Ihr Bauch war quasi offen und wartete nur darauf aufgebrochen und ausgenommen zu werden.”

Cecile Miller: “Was tat die Proinos, wie handelte Captain Frask als ihm die Situation bewusst wurde?”

Cmdr Monk: “Erstmal was jeder vernünftige Kommandant an seiner Stelle tun würde: Das Schiff wenden und so schnell wie möglich verschwinden. Für einen Sprung blieb keine Zeit und ohne Waffensysteme waren wir nur eine weitere Zielscheibe für einen Toaster mit zu viel Munitionsreserven. Doch als wir gerade eine Vierteldrehung hinter uns hatten, brüllte Eric… also erster Offizier Lieutenant Eriksson. Er war ansonsten ein sehr ruhiger Mann. Ich habe ihn nie vorher auch nur seine Stimme anheben hören. Auch nie wieder. Jedenfalls brüllt er: “Torpedo auf 331″. Und dann sahen wir den Mistkerl. So nah, dass wir ihn mit bloßen Augen und ohne Dradiskontakt identifizieren konnten. Auf genauem Kurs zur Unterseite der Galactica. Die – wie wir wussten – keine Chance hatte ihn abzuwehren oder auszuweichen.”

Ceclie Miller: “Wer gab den Befehl die Proinos in die Flugbahn zu steuern?”

Cmdr Monk: “Captain Frask sprach nur aus, was allen auf der Brücke in einem Bruchteil einer Sekunde bewusst war: Unsere dicker, unbewaffneter Pott war das einzige was diese drei Torpedos aufhalten konnte. Die Chance das zu überleben war so gut wie nicht vorhanden. Aber was sollten wir tun? Ein Versorgungsschiff mit 25 Seelen an Bord und einigen Kisten Fertigkartoffelbrei oder ein Kampfstern mit einer Besatzung von… was, um die 5000? Man muss kein militärisches Genie sein um diese Gleichung zu lösen.”

Cecile Miller: “Was geschah dann auf der Brücke?”

Cmdr Monk: “Das werden ihre Leser vermutlich nie erfahren. Eriksson schickte mich zwei Decks tiefer um die Munition-Frachtcontainer abzuwerfen. Bei einem Einschlag auf der Proinos hätten diese Sekundärexplosionen mitunter Trümmer gegen die Galactica geschleudert. So waren sie weit genug weg um wenig bis keinen Schaden anzurichten. Also rannte ich los und sprang die Stufen der Treppen mehr hinunter als das ich sie lief. Später hatte ich mehrere Sehnen gerissen. Aber ob es da passierte oder später, ich weiß es nicht. Das Adrenalin jedenfalls hat mich jeden Anflug von Schmerz vergessen lassen. Ich rannte, ich sprang und ging im Geiste bereits die Befehle durch, die ich im Terminal eingeben musste. Ich erreichte das Terminal und gab wie ein wilder die Codes ein um die Munitionskisten abzuwerfen. Als das grüne Licht am Terminal den Abwurf bestätigte gab es einen lauten Knall mit dem die Container abgeworfen wurden. Und danach eine Stille die ich nie vergessen werde.”

Cecile Miller: “Laut Logbucheinträgen schlugen der Torpedo 43 Sekunden nach dem Abwurf der Container in die Brücke ein.”

Cmdr Monk: “Es kam mir vor wie Stunden. Tage. Stille und das Warten auf den Tod. Und dann nach ewiger Qual des Wartens: Ein ohrenbetäubender Knall. Ich wurde gegen die Decke geschleudert und verlor das Bewusstsein.”

Cecile Miller: “Was ist das nächste an das sie sich erinnern können?”

Cmdr Monk: “Helles kaltes Licht. Über einem Krankenbett auf einer medizinischen Fregatte. Ich brauchte mehrere Wochen bis ich aus dem Koma erwacht bin. Und noch einige weitere bis mir jemand sagte, wie ich die Explosion überlebt habe.”

Cecile Miller: “Ein Wunder. Laut Berichten haben sie bis auf die Kopfverletzung keine kritischen Verletzungen gehabt. Nur ein Bordtechniker kam glimpflicher davon.”

Cmdr Monk: “Glimpflich. Ja.. Zumindest etwas Gutes hatte die Sache. Für alle von uns war der Krieg vorbei. Für neun von uns ging es später in andere friedliche Jobs oder in einen Militärdienst der sich mit Aufbau und Sicherheit befasste. Für sechs von uns war es der letzte Tag vor dem wirklich dauerhaften Frieden.”

Cecile Miller: “Vielen Dank für ihre Zeit.”

Cmdr Monk: “Ich danke Ihnen. Es ist wichtig, dass die Jugend die Gräuel des Krieges nicht vergisst. Nur daraus lernen wir für die Zukunft.”

//Aufzeichnung Ende.

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Auszug aus: “Die Geschichte der zweiten Dämmerung” von Cecile Miller. Zweifache Gewinnerin des Caprica-Book-Award®.

“Hätte diese tapfere Crew sich nicht geopfert, wären die Galactica und mit ihr viele andere Schiffe und Planeten in den folgenden letzten Monaten des Zylonenkrieges gefallen. Es war eine Verkettung von unglücklichen Umständen, die diese Schlacht überhaupt erst verschuldet hatten. Und es war eine Verkettung von glücklichen Zufällen, dass die Proinos dort auftauchte wo sie es tat. Und das Opfer von sechs tapferen Männern und Frauen an Bord der Proinos rettete allein einen Kampfstern.

Militär-Experten sagen, der Torpedo hätten höchstwahrscheinlich die Waffenkammern der Galactica getroffen und so vermutlich eine Kettenreaktion ausgelöst, die sie vollständig zerstört hätte. Doch so hielt die Galactica weitere wertvolle Minuten durch und wurde vom verspätet eintreffenden Kampfverband der Gilgamesh umkreist und vor weiteren Angriffen bewahrt. Ein Opfer, welches der Crew der Proinos – sowohl Überlebende wie Opfer der Explosion – den “Stern von Kobol” und die höchsten Ehren der Kolonialen Marine einbrachte.

Im Rahmen dieses Buches konnte ich mit vielen der damaligen Crewmitglieder der Galactica, der Gilgamesh und der Proinos sprechen. Allen steht, egal wie weit entfernt diese Tage auch scheinen mögen, der Schrecken des Krieges noch in den Augen. Und alle baten mich, meine Leser eindringlich daran zu erinnern ihre Opfer, ihr Leid und ihre Geschichten nicht zu vergessen. Damit zukünftige Generationen nicht das gleiche erleben müssen.”

von Marcel Schmittchen