Tod – Episode 1 – Dämmerung

Auszug aus: “Die Geschichte der zweiten Dämmerung” von Cecile Miller. Zweifache
Gewinnerin des Caprica­Book­Award®.

“Viele Geschichten leben in den Schatten des Zylonenkrieges. Viele Dramen, Odysseen und Torturen. Aber auch viele Heldensagen und Zeichen von wahrer Menschlichkeit. Geschichten, die die Zylonen, wo immer sie nun seien mögen, nie verstehen werden. Doch auch wir Menschen tun uns manchmal schwer damit die Dramen und Schrecken von den Heldensagen zu unterscheiden. Oder die Heldensagen von der Realität. Dieses Buch ist der Crew der Proinos gewidmet und erzählt die Geschichte ihres Dramas, ihrer Odyssee, ihrer Torturen und ihre Heldensage. Auf das ihre Geschichte nicht in Vergessenheit geraten wird.”

*­*­*­*­*­*­*­*­*­*­*­*­*­*­*­*­*­*­*­*­*­*­*­*­*­*­*­*­*­*­*­*­*­*­*­*­*­*­*­*­*­*­*­*­*­*­*­

//Aufzeichnung: Beginn.

//Proinos-Bau. Zeitzeugen­Interview #4. Interviewerin: Cecile Miller.

//Mandala White. Alter 34. Eigentümerin von WhiteSpaceIndustries.

Mandala White: “Meine Mutter erzählte mir damals immer davon wie schwer diese Zeit war… Der Krieg. Das Geschäft litt stark, aber… wir wussten ja nicht… Es war… anders…”

Cecile Miller: “Ihr Vater war Mitchum White der Gründer und Besitzer der WhiteSpaceIndustries-Werften von Leonis, richtig?”

Mandala White: “Ja. “Die Höhlen des Löwen” wurden die Werften zu ihrer Hochzeit nach dem Krieg genannt.”

Cecile Miller: “Was genau war das größte Problem während des Krieges für ihre Familie bzw. ihr Familienunternehmen?”

Mandala White: “Das Kriegsrecht. Genauer gesagt: Paragraph 44 des kolonialen Kriegsrechts. Mein Vater war damals so wütend darüber, dass er den Paragraphen in seinem Büro hängen hatte. An der Dartscheibe, neben einem Bild von einem dieser Toaster-­Dinger.”

//Zettel rascheln

Cecile Miller: “”§44 Absatz 3: Jedes zivile raumtaugliche Fahrzeug kann bei begründetem Bedarf von der kolonialen Marine eingezogen und unter Militärdienst gestellt werden.” und “Absatz 4: Die koloniale Marine hat nach Ende des Krieges für angemessenen finanziellen Ersatz aufzukommen.””

Mandala White: “Und da haben wir die Amtsreiterei. Wer bestimmt den “begründeten Bedarf”? Wer den “angemessenen Ersatz”? Und damals, dürfen sie nicht vergessen, wusste niemand ob der Krieg überhaupt ein Ende findet. Oder ob an seinem Ende noch eine koloniale Marine existiert. Oder Menschen.”

Cecile Miller: “Also zog die Marine jedes Schiff ein, welches die Werften von Leonis verließ?”

Mandala White: “Nicht jedes. Manche Schiffe waren einfach zu klein oder zu unbedeutend. Sie machten sich die Mühe und den Ärger nur wenn es sich lohnte. Bei den großen und teuren Schiffen.”

Cecile Miller: “Wie bei der Proinos?”

Mandala White: “Wie bei der Proinos. Richtig. Das war damals vor 46 Jahren der Prototyp. Lange bevor die M­-Serie zu unserem erfolgreichsten Produkt wurde. Der ganze Stolz meines Vaters. Ein Verlust der ihn damals schwerer traf als alles andere. Vielleicht sogar schwerer als der Tot meines Bruders.”

*­*­*­*­*­*­*­*­*­*­*­*­*­*­*­*­*­*­*­*­*­*­*­*­*­*­*­*­*­*­*­*­*­*­*­*­*­*­*­*­*­*­*­*­*­*­*­

“204 Meter lang, 31 Meter breit, 42 Meter hoch.” Das Dia wechselte und zeigte die Blaupause eines länglichen Raumschiffs. Ein Brückenturm an der hinteren Seite über den drei großen Triebwerken. Umringt von Frachtcontainern an der Außenhülle. Mitchum White gab den Anwesenden einen Moment um den Anblick aufzunehmen bevor er weitersprach.

“Zweihundert Tonnen Frachtkapazität im Inneren. Beladesystem im Bug. Sechzehn mal dreißig Tonnen Frachtkapazität in den Containern außen.” Das nächste Dia schob sich mit einem Klicken vor die Linse des Projektors. Es zeigte die langweiligen technischen Fakten, die Mitchum gelangweilt ablas. Das Wichtigste war gesagt: Ein Ladekapazität, die die Konkurrenzschiffe aus Caprica und Geminon vor Neid in die nächste Nova fliegen lassen würde. Das waren die Zahlen, die sich in den Köpfen der Investoren einbrennen und sie jetzt im Geiste die Buchhaltung der nächsten Monate durchrechnen lassen. Dann kommen sie in ein paar Minuten auf die läppischen 9 Monate die es dauern würde selbst in der Kriegs­Ökonomie die Anschaffungskosten für ein Schiff der M-­Serie wieder rein zubekommen.

Ab da war der Rest der Präsentation nur Formsache. Zahlen und Informationen über die möglichen Bauzeiten und Produktionsfristen. Aktuelle Auslastungszahlen der Werft. Mögliche Anschlussfinanzierungen und Versicherungen. Und am Ende das beste an diesen Treffen und das wertvollste Ritual: Das Austauschen der Visitenkarten und der Händedruck. Ein Händedruck, an dem sich Mitchum inzwischen einbildet ablesen zu können, wie hoch am Ende die Bestellung ausfallen würde.

Nachdem die beiden Vertreter von Tauron­Shipping aus dem Konferenzzimmer waren, ließ sich Mitchum selbstzufrieden in den großen Ledersessel sinken. Er sah auf seine Handfläche und murmelte grinsend “Mindestens Zwölf”.

­­­+++

“Mr. White, wir haben einen Besuch in Bucht 4 für sie.” plärrt die mechanisch verzerrte Stimme seiner Sekretärin durch die Lautsprecher an der Decke. Nach einer Pause, in der sie vermutlich all ihren Mut für diesen Tag zusammen nahm, ergänzt sie: “Vice Admiral Phillip Kramer”. Ein Name der ihm das Blut in den Adern gefrieren ließ. Ein Name der immer nur eines bedeutete: “Einzug”. Langsam wischte sich Mitchum mit den Händen über die Stirn. ” Paragraph 44“. Er wünschte, er wäre in seinem Büro oder hätte eine andere Methode die aufkommenden Aggressionen abzubauen. Langsam stand er auf, nahm sein Jackett vom Stuhlrücken auf und zog es sich an. Fünf Schiffe. Fünf Schiffe hatte die koloniale Marine bereits von ihm eingezogen und ihm und seiner Firma gestohlen. Einnahmen die seine Expansionspläne schon mehrfach finanziert hätten – wenn man nicht immer seine neusten und besten Schiffe… Erst jetzt setzte sein gereizter Verstand das Puzzle zusammen. “Nicht die Proinos!” Mit geballten Fäusten stürmt er aus dem Konferenzraum. Die Dartscheibe und der Boxsack müssen warten. Vice Admiral Kramer reicht.

+++

­­­”Beeindruckendes Schiff, nicht wahr?” Vice Admiral Kramer wandte den Blick von der Sichtluke ab und sah seinen Reisebegleiter Major Wilkes Comstock an. Dieser schaute trotz seiner vielen Dienstjahre in der Marine wie ein kleines Kind im Spielzeuggeschäft. Nach Außen gefasst, aber das glitzern in den Augen sah Kramer sehr deutlich. “Beeindruckendes Schiff.” sagt Comstock leise während er sich über seinen weißen Schnauzbart streicht. Jetzt wandte auch er seinen Blick weg von der Luke. “Also für eine zivile Produktion natürlich. Einen Kampfstern oder eine Fregatte würde ich natürlich vorziehen.” Comstock blickte so missmutig drein, wie man es sich vor einem Admiral erlauben darf. “Sie hätten vielleicht den einen oder anderen Befehl nicht missachten dürfen, wenn sie einen Kampfstern kommandieren wollen, Major.” Ein breites Grinsen breitete sich auf Admiral Kramers rundlichem Gesicht aus. Comstock vermied es meist, über seine Fehler nachzudenken. Sicher gab es einige davon. Aber keine dieser Befehlsverweigerungen würde er bereuen. Seine Integrität und das Wohl seiner Crew kamen vor Karriere und Befehlen. Auch wenn solche Menschen selten am Ende des Tages die größten Streifen auf der Uniform tragen dürfen.

Comstock blickte wieder durch die Sichtluke. Mehre Arbeiter in Raumanzügen schweißten gerade einige Leitungen am Bug zusammen. Ein anderer kontrollierte mit einem Sondengerät die Oberfläche auf Mikrorisse, bevor er den Griff zu locker hielt und das Gerät Richtung All davon driftete. Ansonsten sah das Schiff so fertig aus, wie in den Berichten des Oberkommandos vermerkt war. Keine Schönheit aber das erste Schiff mit einem so beeindruckenden Verhältnis zwischen Ladekapazität und Geschwindigkeit. Zudem verfügte sie über genug Freiräume um die ein oder andere “Verbesserung” einzubauen. Die Arbeiter schienen fertig zu sein und gaben ein “Daumen­Hoch­Signal” an den Leitstand ein paar Meter weiter am Rand der Halteklammern. Mit einem Flackern gingen die Lampen am Bug an und erleuchten die Kennung des Schiffes, welches in ein paar Tagen seinem Kommando unterstehen sollte. “CF-­23 PROINOS”

Doch vor jede wichtige Aufgabe haben die Götter von Kobol eine Prüfung gestellt. Und diese Prüfung stürmte mit hochrotem Kopf, geballten Fäusten und untersetzter, aber muskulöser Figur in diesem Moment durch die Verbindungstür und schnurstracks auf die beiden Offiziere zu. “Lassen sie mich das erledigen” murmelt Kramer aus dem Mundwinkel und dreht sich Mitchum White zu. “Es ist mir wie immer eine Freude sie…” Weiter kommt Vice Admiral Kramer nicht, bevor ihn Mitchums Faust ins Gesicht trifft. Comstocks antrainierte Reflexe sorgten dafür, dass er seinen silbernen Revolver in seiner Hand und auf den Kopf von Mitchum White gerichtet hatte, bevor Kramer den Boden berührte. “Stop” sagt Comstock in leisem aber bestimmtem Ton.

­­­+++

Mitchum blickte in den übertrieben langen und sorgfältig polierten Lauf eines Revolvers. Einen, wie man ihn in alten Filmen sieht. In schlechten alten Filmen. Der Lauf war so nah an seiner Nase, dass er die Sichtluke und die Proinos in der Reflexion klar erkennen konnte. Zwei­, dreimal schnaufte Mitchum mit zusammengepressten Lippen und fixierte den grauhaarigen drahtigen Mann der ihn bedrohte. Rangabzeichen eines Major. Alter eines Admirals. Mit einer absolut nicht vorschriftsmäßigen Waffe in der Hand. Der Fall war schnell klar: Das war niemand, der sich viel aus Vorschriften machte. Eigentlich ein sympathischer Bursche, dachte Mitchum und merkte wie sein Puls sich langsam wieder senkte. “Zielen sie nie auf einen Mann wenn sie nicht abdrücken wollen.” Mitchum konnte sich ein zynisches “Jungchen” im letzten Augenblick verkneifen. Der Major vor ihm spannte den Hahn ohne den Lauf auch nur um einen Millimeter zu bewegen. “Tu ich nicht.” sagt der Mann mit einer surrealen Ruhe in der Stimme.

“Nun… Lassen sie uns nichts überstürzen…” Admiral Kramer stemmte sich hoch und rieb sich das Kinn und die Wange mit der linken Hand. “Zumindest nicht noch mehr.” Er ging zu dem Revolvermann und legte ihm die rechte Hand auf die Schulter. “Comstock… Lassen sie gut sein. Es gibt genug Toaster da draußen, die jede Kugel brauchen, die wir haben. Leute wie unser guter Mitchum hier bringen sich mit ihrer ungesunden Ernährung von selbst ins Grab.” Comstock senkte den Revolver und steckte ihn in seinen Holster. Seinen Blick nahm er dabei jedoch nicht von Mitchums Stirn. So schnell würde Mitchum diesen kalten präzisen Blick nicht vergessen. Langsam öffnete er seine Fäuste, sah zu Kramer und presst mit aller Selbstbeherrschung durch die geschlossenen Zähne hervor: “Sie nehmen mir nicht die Proinos. Ende der Debatte.”

“Ich handle auf den Befehl der kolonialen Marine, die das Schiff als militärische Versorgungseinheit braucht um diesen Krieg am Laufen zu halten. Damit sie, ich und unsere Familien in ein paar Jahren noch unser Leben haben. Damit wir alle beim Abendessen sitzen und uns darüber kaputtlachen können, wie sie mir immer auf die Nerven gehen, wenn ich ihre Schiffe konfiszieren muss.” Kramer spulte die Rede ab, die sie schon so oft durchgegangen sind. “Und was kann ich tun, damit ich nicht mit ansehen muss wie sie mir mein Lieblingsschiff unter meiner Nase stehlen?” “Entweder sie schließen die Augen, übergeben die Firma ihrem Stellvertreter oder sie schlagen mich ein zweites Mal und lassen den Major dafür sorgen, dass wir diese Unterhaltung nicht nochmal führen müssen.”

Mitchum blickte nach links durch die Sichtluke zum länglichen Rumpf der Proinos. “Ihr Revolvermann bekommt das Kommando?” fragte Mitchum ohne seinen Blick vom Schiff zu nehmen. “Ja. Major Comstock wird sich gut um sie kümmern, Mitch”.

Mitchum atmete tief ein und schloss die Augen. “Ich weiß nicht. Ich denke ich werde sie nicht wiedersehen. Genau wie die anderen Schiffe, die ich ihnen geborgt habe, Phil.”

*­*­*­*­*­*­*­*­*­*­*­*­*­*­*­*­*­*­*­*­*­*­*­*­*­*­*­*­*­*­*­*­*­*­*­*­*­*­*­*­*­*­*­*­*­*­*­

Cecile Miller: “Nach dem Krieg bekamen die M­-Serie und WhiteSpaceIndustries aber mehr zurück als sie sich je haben erträumen lassen. Wie war das?”

Mandala White: “Zum einen war die Geschichte der Proinos natürlich eine Geschichte, die die M-­Serie zum absoluten Spitzenprodukt unseres Hauses machte. Zum anderen hielt die Blake­-Administration zwei Jahre nach dem Krieg viele der Versprechen, die uns gemacht wurden. Wir erhielten einige Zahlungen und die Unterstützung der Marine um die Handelswege wieder frei und sicher zu machen. Die Wirtschaftslage in der Zeit nach dem Krieg und das langsam einkehrende Gefühl der Sicherheit tat ihr übriges um unser Unternehmen in die erfolgreichste Zeit seiner Firmengeschichte zu führen.”

Cecile Miller: “Verkauft sich die M-­Serie so viele Jahre später noch?”

Mandala White: “Nein. Inzwischen bauen wir nur noch gezielte Auftragsarbeiten. Zudem haben die letzten 30 Jahre einiges an Fortschritt mitgebracht: Vernetzte und automatisierte Steuersysteme, Autopiloten, computergesteuerte Verlade­ und Entladesysteme und effiziente Lebenserhaltungssysteme, die größere und bequemere Räume für die die Crew möglich machen. Die F-­ und B7­-Serien verkaufen sich derzeit am besten. Auch wenn die Geminon-­Werften inzwischen bei den Frachtschiffen gut mithalten können, halten wir im mittleren Segment weiter den größten Marktanteil. Und damit können wir bei der aktuellen Marktsituation sehr zufrieden sein.”

Cecile Miller: “Vielen Dank, dass sie sich zwischen den ganzen Meetings Zeit für mich genommen haben, Mrs. White”

Mandala White: “Es war mir eine Freude.”

//Aufzeichnung Ende.

von Marcel Schmittchen